Gebt eurer KI keinen Vornamen

Ralf Metz & Andreas MesserliRalf Metz & Andreas Messerli·06. August 2026·5 Min. Lesezeit
Beitrag 3 Kein Vorname Meandme

Ein Name schafft Nähe. Ein Mandat schafft Verantwortung.

Die Kollegin, die keine ist

In den vergangenen Jahren hat sich eine Praxis verbreitet: KI-Systeme bekommen Vornamen. Sie heissen Max, Luna oder Ben. Manche erhalten ein Profilbild im Chat. Manche werden im Teammeeting erwähnt, als gehörten sie zur Belegschaft.

Der Reiz ist verständlich. Ein Name senkt die Hemmschwelle. Wer „Ben“ schreibt, tut sich leichter als jemand, der ein nüchtern bezeichnetes Softwarefeld befüllt. Für die Verbreitung im Team ist das ein spürbarer Vorteil.

Wir halten die Entwicklung trotzdem für ungesund. Nicht weil sie albern wäre, sondern weil sie die Grenze zwischen Mensch und System verwischt. Und diese Grenze ist keine Geschmacksfrage. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Führung und Verantwortung zuordenbar bleiben.

Was der Name mit der Zurechnung macht

Sobald etwas einen Namen hat, sprechen wir darüber wie über ein handelndes Subjekt.

„Ben hat den Termin falsch eingetragen.“ „Luna hat das übersehen.“ „Emma war zu forsch mit dem Kunden.“

Solche Sätze sind sprachlich bequem und organisatorisch unmöglich. Ben trägt nichts ein. Ein Arbeitsablauf hat ein Ergebnis erzeugt. Eine Person hat die Bedingungen dafür gestaltet. Eine zweite hätte prüfen sollen. Eine dritte hat es freigegeben. Der Vorname verkürzt diese Kette zu einer Handlung ohne Handelnden.

Dass dieser Effekt real ist, zeigt eine 2026 in Collabra: Psychology veröffentlichte Untersuchung von Victoria Oldemburgo de Mello, Jason Plaks und Michael Inzlicht. In zwei Experimenten mit insgesamt 739 Teilnehmenden erhöhte vermenschlichende Sprache das Vertrauen in ein KI-System über alle Messgrössen hinweg. Und sie verschob die Verantwortung: Je mehr Verantwortung dem System zugeschrieben wurde, desto weniger blieb bei dem Unternehmen dahinter. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einer Verantwortungslücke.

Die Studie untersucht Produkte und ihre Hersteller, nicht die selbst eingerichteten KI-Arbeitsabläufe eines KMU. Der Befund lässt sich deshalb nicht eins zu eins übertragen. Der Mechanismus aber ist derselbe, und er ist genau der, den wir in Gesprächen beobachten. Je mehr ein System sprachlich als handelnde Person erscheint, desto leichter fällt es allen Beteiligten, es als das Zuständige zu behandeln.

Daraus folgt ein einfacher Grundsatz:

„Die KI war es“ ist keine zulässige Verantwortungszuschreibung.

Verantwortung lässt sich delegieren, aber nicht abgeben.

Was wir stattdessen empfehlen

Verwendet funktionale Bezeichnungen. „Angebots-Assistent“ statt Emma. „Protokoll-Agent“ statt Ben. Das klingt weniger charmant und ist genau deshalb besser. Niemand sagt „der Protokoll-Agent hat sich geirrt“ und meint damit, das Thema sei erledigt.

Wo ein Vorname bereits eingeführt ist und im Team funktioniert, muss er nicht mit Gewalt abgeschafft werden. Dann gilt die Minimalanforderung: Der Name verweist auf ein geklärtes Mandat. Er ersetzt es nicht.

Ein Name ist kein Mandat

Was einem KI-Arbeitsablauf tatsächlich Klarheit gibt, ist unspektakulär und passt auf eine halbe Seite:

  • Zweck. Wofür gibt es diesen Ablauf, welches Problem soll er lösen?
  • Auftrag. Was tut er, und was ausdrücklich nicht?
  • Daten. Worauf greift er zu, worauf nicht, und wer hat das entschieden?
  • Qualitätskriterien. Woran erkennt ihr, dass ein Ergebnis brauchbar ist?
  • Freigabe. Welche Rolle prüft, bevor das Ergebnis wirksam wird?
  • Eskalation. Was geschieht bei Zweifel, Widerspruch oder Fehler?
  • Verantwortliche Rolle. Wer ist ansprechbar, wenn der Ablauf nicht wie erwartet funktioniert?

Sieben Zeilen schaffen mehr Klarheit als die sorgfältigste Persona.

Der Lebenszyklus gehört dazu

In vielen Regelungen fehlt ein entscheidender Punkt: Wer darf diesen Ablauf einrichten, wesentlich ändern, begrenzen, pausieren und abschalten?

Solange das offen ist, wandert die Zuständigkeit an die Person, die zuerst da war und den Zugang besitzt. Das ist meistens nicht beabsichtigt. Wie stark sich damit Entscheidungsmacht verschieben kann, haben wir im zweiten Beitrag dieser Reihe beschrieben.

Für den Anfang genügt eine eindeutige Zeile pro Ablauf: Diese Rolle darf ihn abschalten. Wenn niemand diese Zeile ausfüllen kann, läuft der Ablauf faktisch ohne Halter.

Die Onboarding-Analogie und ihre Grenze

Manche Unternehmen behandeln ihre KI-Rollen organisatorisch ähnlich wie Mitarbeitende. Sie dokumentieren Fähigkeiten, Zugriffe und Zuständigkeiten oder führen eine Art Onboarding durch.

Als Mechanik ist das nützlich. Es zwingt zur Dokumentation und macht sichtbar, was sonst nur in einzelnen Köpfen liegt.

Als Denkmodell hat die Analogie eine harte Grenze. Mitarbeitende übernehmen Verantwortung, urteilen und widersprechen aus eigener Überzeugung. Ein KI-System erzeugt Ergebnisse innerhalb seiner technischen und kontextuellen Bedingungen. Es besitzt kein Mandat aus sich selbst heraus. Wer die Analogie zu weit treibt, importiert mit der Mechanik eine Verantwortungsordnung, die es nicht gibt.

Die brauchbare Fassung lautet deshalb:

Dokumentiert wie eine Rolle. Verantwortet wie ein Werkzeug.

Für eure nächste Führungsrunde

Hört eine Woche lang darauf, wie in euren Sitzungen über KI gesprochen wird. Markiert Sätze, in denen das System als handelndes Subjekt erscheint.

Fragt dann konkret nach. Welcher Arbeitsablauf war gemeint? Wer hat ihn eingerichtet? Wer hätte das Ergebnis prüfen oder freigeben sollen?

Wenn die Antwort dauert, braucht ihr keine Sprachpolizei. Ihr habt eine Zuständigkeit gefunden, die noch nicht klar genug ist.


Quelle: Oldemburgo de Mello, V., Plaks, J. & Inzlicht, M. (2026). The Effects of AI Anthropomorphism on Trust and Responsibility. Collabra: Psychology, 12(1), 161757. doi.org/10.1525/collabra.161757

Vorheriger Beitrag: Wer entscheidet hier eigentlich?
Nächster Beitrag: Nicht jeder KI-Ablauf gehört in denselben Arbeitsraum


Ralf Metz & Andreas Messerli
AutorenRalf Metz & Andreas MesserliGruender me&me · Mehr ueber uns
Nächster Schritt

Bereit fuer den nächsten Schritt?

In einem unverbindlichen Erstgespräch schauen wir gemeinsam, was für Deine Organisation passt. Konkret, ohne Umwege.

Alle Angebote
30 Minuten. Kostenlos. Unverbindlich.Weiterführend