Was bedeutet für uns AUGENHÖHE?

Ralf Metz & Andreas MesserliRalf Metz & Andreas Messerli·25. Mai 2026·9 Min. Lesezeit
Was Bedeutet Für Uns Augenhöhe

Die erste Fassung dieses Artikels haben wir 2015 geschrieben. Damals war der Begriff AUGENHÖHE noch nicht so gängig. Seitdem hat sich einiges verändert. Grund genug, den Artikel selbst wieder zu überarbeiten.

Seit dem werden wir immer wieder gefragt, wie man zu Augenhöhe gelangt: Wir bieten Entwicklungsprogramme an, die genau darauf abzielen.
Warum wir überzeugt sind, dass ein echter Paradigmenwechsel in der Wirtschaft nur so gelingt, haben wir in diesem Artikel näher beleuchtet.

Wie alles begann

2014 sind wir durch Zufall auf das Projekt „AUGENHÖHE – Film und Dialog“ gestossen. Schnell waren wir Feuer und Flamme und haben uns am Crowdfunding beteiligt, ohne überhaupt zu wissen, wie das Endergebnis aussehen könnte. Wir waren einfach von der Idee überzeugt. Selbstredend, dass wir 2015 zur Premiere nach Hamburg gereist sind. Und dort waren wir dann doch überrascht, wie unterschiedlich das Verständnis des Begriffs ‚Augenhöhe‘ war. Hier nur einige Antworten, die wir auf die Frage erhielten, was denn Augenhöhe sei:

  • Wenn der Chef seinen Mitarbeitern mehr Wertschätzung entgegenbringt.
  • Wenn ein Unternehmen auf flexible und flache Strukturen setzt.
  • Wenn Möglichkeiten für Work-Life-Balance vorhanden sind.
  • Wenn der Mensch und nicht die Arbeit im Mittelpunkt steht.
  • Wenn die Work-Life-Balance stimmt.

Es scheint also schon mit dem Menschen zu tun haben, aber irgendwie fanden wir es doch zu unklar. Das ist grundsätzlich auch kein Problem. Dennoch hilft es, ein gemeinsames Verständnis zu haben, wenn man einen Begriff verwendet. Und so überlegten wir uns, was Augenhöhe für uns bedeutet.

Visuelle Darstellung

Im engeren Sinne ist Augenhöhe die vertikale Positionierung der Augen, durch welche die Körpergrösse anderer Personen mit der eigenen verglichen wird. Übertragen auf die zwischenmenschliche Interaktion steht dies für uns für gegenseitige Gleichwertigkeit unabhängig von eigenen Bewertungen.

Hört sich erstmal recht theoretisch an. Daher entstand 2015 diese visuelle Darstellung.

Auf Augenhöhe

Augenhöhe entsteht aus uns heraus

In erster Linie entsteht Augenhöhe aus uns heraus, von innen nach aussen. Denn nur ich als Betrachter bin in der Lage, mir einen anderen Menschen als grösser oder kleiner vorzustellen. Tue ich das, bin ich automatisch mit Emotionen oder Gedanken meiner eigenen Unter- oder Überlegenheit konfrontiert. Und damit ist dann auch das Auf- oder Abwerten meines Selbstwerts sowie der Beurteilung des Wertes meines Gegenübers verbunden.

In der Realität beeinflussen uns unsere eigenen Erinnerungen an selbst gemachte Erfahrungen, was zu Erwartungen an mich selbst und andere Menschen führt. Dies resultiert auch in Sympathien und Antipathien gegenüber anderen Menschen, was durch die unterschiedlichsten Aspekte ausgelöst werden kann: Alter, Geschlecht, kultureller und sozialer Hintergrund, Bildungsstand, Rollenbilder, Position in der Unternehmens-Hierarchie oder sozialer Status.

Was letztlich zu einer Auf- oder Abwertung von mir selbst und meinem gegenüber führt.

Bewerten gehört dazu

Wir alle haben Vorlieben und Abneigungen, egal ob uns dies bewusst ist oder nicht. Wir vergleichen und bewerten uns selbst sowie andere Menschen auf der Grundlage, was für uns gut oder schlecht, positiv oder negativ, richtig oder falsch ist.

Wer sich dessen bewusst ist, hat die Wahlfreiheit, sich davon für einen Moment nicht beeinflussen zu lassen. Das schafft die Grundlage, auf Augenhöhe zu interagieren.

Das bedeutet, Augenhöhe …

  • ist möglich, wenn sich Menschen in der Begegnung als gleichwertig sehen.
  • entsteht bei jeder Begegnung neu, also im hier und jetzt.
  • dauerhaft beizubehalten ist unrealistisch.
  • ist vor allem eine Frage der eigenständigen Persönlichkeit.

Die aktuelle KI-Falle: Heute erleben wir immer häufiger einen Irrtum. KI-Systeme spiegeln uns, reflektieren unsere Worte, passen sich unserer Stimmung und unserem Duktus an. Wir können sie adressieren, sie wirken zugewandt. Das erzeugt das Gefühl von Augenhöhe. Aber es ist eine Illusion. Denn Augenhöhe entsteht nur im Gegenüber eines eigenständigen Wesens. KI ist ein ausgeklügeltes System, nicht eine eigenständige Person. Wer hier auf Augenhöhe zu sein glaubt, verwechselt ein passgenaues Echo mit echter Begegnung.

Entscheidend ist die Absicht, Augenhöhe immer wieder erreichen zu wollen. Denn wir sind nicht perfekt. Die Absicht zählt.

Die Realität

Die Realität sieht oft anders aus. Denn es gibt unterschiedliche Gründe, wieso Menschen nicht auf Augenhöhe miteinander interagieren. Klar, wenn wir es gut miteinander haben, geht das ohne Probleme. Aber wehe, es tauchen Probleme auf, so entstehen schnell Spannungen und Konflikte.

Und in den meisten Fällen ist das Thema Augenhöhe dann schnell vom Tisch. Das kennen wir vermutlich alle. Egal ob im Verein, mit Kindern, in der Beziehung, mit unseren Eltern und natürlich auf der Arbeit mit Mitarbeitern, Kunden, Partnern und Chefs.

Irgendjemand spricht mich zum falschen Moment an und zack, ich bin auf 180 und breche im dümmsten Fall einen handfesten Streit vom Zaun. Konstruktiv geht anders. Vermutlich hat jeder von uns seine eigenen, persönlichen Trigger-Punkte. Und das ist normal. Denn was in solchen Momenten geschieht, kann man vereinfacht als „Auto-Pilot-Modus“ bezeichnen.

Der Auto-Pilot kann in solchen Momenten auch als Affekt-Logik (Luc Ciompi) bezeichnet werden.

Die Gründe sind unterschiedlich

Das kann einfach aus Unbewusstheit darüber geschehen, dass mein Gegenüber anders ist als ich. Oder weil es mir egal ist. Meine Welt ist ja die einzig wahre und richtige.

„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ (Paul Watzlawick)

Anders ausgedrückt: Wenn ich es nicht besser weiss, nutze ich einfach das, was ich kenne. Es geht also vor allem um mehr Bewusstheit.

Wie erreiche ich Augenhöhe?

DEN universellen Weg gibt es nicht. Wir sind aus unserer Praxis überzeugt, dass es einige Grundvoraussetzungen gibt. Seine Spannungen mit sich selbst klären zu können, ist dabei entscheidend. Klarheit und Bewusstheit über mich selbst, ist der erste Schritt. In vielen Situationen ermöglicht dies auch, auf Augenhöhe mit einer anderen Person zu kommen.

Eine Variante, die sich in unserer Praxis bewährt hat, besteht aus 3 Schritten:

  • Gegenüber einschätzen (Menschenkenntnis, DU): Was könnte den anderen Menschen beschäftigen? Was könnte ihm wichtig sein? Die Platin-Regel ist hier entscheidend: Menschen so behandeln, wie sie behandelt werden möchten. Gilt übrigens auch im Umgang mit KI. Deren Antworten kann ich einordnen, aber eine echte DU-Beziehung entsteht nicht.
  • Bewusst werden (Selbstkenntnis, ICH): Ist es mir gerade möglich, mit einem anderen Menschen auf Augenhöhe zu gehen? Was behindert mich dabei? Was macht mein Autopilot? Welche Programme laufen in mir? Kann ich wirklich präsent sein? Unserer Erfahrung nach birgt dieser Schritt die grössten Herausforderungen und die meisten Möglichkeiten. Auf Augenhöhe mit einer anderen Person sein, geht nicht als Strategie. Es bedeutet eine echte Veränderung der eigenen Persönlichkeit. Wer sich dies bewusst ist, kann den Blick nach aussen legen.
  • Bewusste Interaktion (Sozialkompetenz, WIR): Wie kann ich das, was mir wichtig ist, und das, was meinem Gegenüber wichtig sein könnte, berücksichtigen?

Was bringt es mir?

Eine zentrale Frage, denn sie ist der Schlüssel zur eigenen Motivation. Denn ohne intrinsische Motivation ist echte Veränderung nicht möglich. Menschen machen Systeme. Und so mag es nicht verwundern, dass die Motive auf persönlicher und unternehmerischer Ebene sehr vielfältig sein können.

Aus persönlicher Sicht: Persönlicher Frieden, mehr Freiheit, stabilere Beziehungen, einfachere Zielerreichung uvm.

Aus Unternehmenssicht: Weniger Spannungen und Konflikte, höhere Arbeitgeberattraktivität, höheres Mitarbeiterengagement, gesteigerte Innovationsfähigkeit, nachhaltigere Kundenbeziehung uvm.

Arbeiten auf Augenhöhe und alles ist gut?

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn dort wo Menschen zusammentreffen und sich zu einer Organisation formieren, gibt es neben der menschlichen Seite auch immer die des Systems: Strukturen, Prozesse, Abläufe, Organisation.

Wächst man überwiegend auf der Seite der Zusammenarbeit ohne die Rahmenbedingungen auf Seiten des Systems zu verändern, kann das schnell zu Frust führen und eine Negativ-Spirale auslösen.

Wächst man überwiegend auf Seiten des Systems, zum Beispiel durch agile Strukturen, ohne die Seite des Menschen zu berücksichtigen, kann dies zu Überforderung führen. Die neu gewonnene Verantwortung kann dann schwer angenommen werden. Wir sind daher überzeugt, dass es Wachstum auf beiden Seiten benötigt: Mensch UND System. Warum davor Good Work notwendig ist, dazu kommen wir in einem anderen Artikel.

Wir arbeiten daher auch im Kontext von Gruppen mit dem me&me-Modell, welches das Zusammenspiel der unterschiedlichen Wirkfelder visualisiert.

Meme Modell

Wie auch dir mehr Augenhöhe gelingt

Seit einem Jahrzehnt begleiten wir Menschen in transformativen Veränderungsprozessen. Gerade unsere tiefgreifenden Transformationsbegleitungen haben uns gezeigt: Es fordert alles (System) und jeden (Menschen). Verändert sich das System, fordert dies auch eine Weiterentwicklung des Menschen.

Wir unterstützen Unternehmen auf ihrem Weg zu einer effektiveren Selbstorganisation. Derzeit fokussieren wir uns dabei auf zwei Formate:

  1. Eigenverantwortung stärken mit WegeV: Eigenverantwortung fördern und persönliche wie berufliche Weiterentwicklung vorantreiben. Klarheit, Selbstführung und Reflexion als Basis für nachhaltigen Fortschritt.
  2. Konfliktmanagement neu verstehen: Konflikte konstruktiv lösen und Zusammenarbeit stärken. Spannungen frühzeitig erkennen, klären und produktive Lösungen für den gemeinsamen Arbeitsalltag entwickeln.

Kurz noch zu KI und Augenhöhe

KI kann Augenhöhe simulieren. Sie hört zu, passt sich an, scheint uns zu verstehen und geht auf uns ein. Das kann anregend sein und hilft beim Nachdenken. Aber Augenhöhe im eigentlichen Sinn entsteht nur zwischen eigenständigen Wesen. Zwischen Menschen, die ihre eigenen Spannungen, ihre Geschichte und ihre Bewertungen mitbringen. Deshalb gehört der Umgang mit KI in der Zusammenarbeit zum Thema Selbstführung und Eigenverantwortung, nicht zum Aufbau von Augenhöhe im zwischenmenschlichen Sinn. Wie man KI dabei klar als Werkzeug behandelt, ohne sie zu vermenschlichen, erklären wir in Gebt eurer KI keinen Vornamen.

Was bedeutet für euch Augenhöhe?

Wir sind sicher, dass es nicht DIE richtige Vorstellung davon gibt, was Augenhöhe ist. Daher sind wir daran interessiert, was euer Verständnis von Augenhöhe ist. Wir sind gespannt!


Ralf Metz & Andreas Messerli

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